Kiefernwald: Die spirituelle Dimension

Welche spirituelle Dimension hat das Gemälde „Kiefernwald“?

Durch sein indirektes Leuchten scheint „Kiefernwald“ mehr als nur ein Wald im Abendlicht zu sein.

Anfang des 20. Jahrhunderts trat in den Niederlanden verstärkt ein Interesse an okkulten, mystischen Dingen in den Vordergrund. Vieles, was in der Wissenschaft und der Kirche lange für wahr und unangefochten galt, war ins Wanken geraten. Hinter der sichtbaren Welt wurde eine unsichtbare entdeckt: Radiowellen, Röntgenstrahlen und Radioaktivität, sogar die Teilbarkeit des Atoms. Außerdem hatte Charles Darwin in seiner Theorie über die Entstehung der Arten eine Evolution durch natürliche Auslese vorgestellt, die vom Schöpfungsgedanken der Bibel weit entfernt war. Vor dem Hintergrund derartiger Erschütterungen des Glaubens und Weltbildes suchten Vereinigungen wie die 1875 in New York gegründete Theosophische Gesellschaft ein neues geistiges Fundament aufzubauen, indem sie verschiedene Weltreligionen, östliche wie westliche, mit Erkenntnissen der Naturwissenschaften verbanden. Auch Rudolf Steiners Anthroposophie versuchte das. Viele der Maler*innen, die im Sommer den Künstlerort Domburg besuchten, traten auf der Suche nach einer neuen geistigen Dimension der Theosophischen Gesellschaft bei: Cornelis Spoor 1905, Ferdinand Hart Nibbrig 1908, Piet Mondrian 1909 und Jacoba van Heemskerck am 1. November 1910. Sie alle suchten jenseits der Materie und der äußeren Natur in die «unsichtbaren Sphären» der geistigen Gebiete vorzudringen.

© Kunsthalle Bielefeld
Sprecher: Doğa Gürer