Kiefernwald: Piet Mondrian

Piet Mondrian. Abend: Roter Baum, 1908-10. Sammlung Kunstmuseum Den Haag

Im Jahr 1908 ließ Marie Tak van Poortvliet, die Lebensgefährtin von Jacoba van Heemskerck, in Domburg die Villa Loverendale bauen. Das Haus wurde zu einem Treffpunkt für Künstler*innen. 1908 kam auch erstmals Piet Mondrian zu Besuch. Im Garten der Villa fertigte er Studien zu seinem berühmten Werk „Abend: Roter Baum“ an. Mondrian zeigt darauf ebenfalls einen Baum im Abendlicht. Er lehnt sich hier an Johann Wolfgang von Goethes Farbenlehre an, die dieser hundert Jahre vor der Entstehung von Mondrians Gemälde formuliert hatte. Goethe hatte in Beobachtungen festgestellt, dass Farben zwischen Helligkeit und Finsternis liegen und z. B. abhängig von der Atmosphäre sind. So sagt Goethe, dass Dunkelheit, gesehen durch ein vollkommen durchsichtiges Medium, Blau erzeugt, während schwindendes Sonnenlicht, reflektiert auf einem Gegenstand, Rot hervorruft. Es ist gut möglich, dass Jacoba van Heemskerck, die sich in diesen Sommern eng mit Mondrian austauschte und mit ihm zusammen in der Umgebung von Domburg zeichnete, in „Kiefernwald“ mit ähnlichen Fragestellungen beschäftige. Später sollten beide Künstler auf der Suche nach dem Geistigen jedoch unterschiedliche Wege gehen: Während Mondrian seine geometrische Abstraktion entwickelt, um die Materie zu überwinden, bleibt Jacoba van Heemskerck Zeit ihres Lebens dem Gegenständlichen verpflichtet. Sie sucht über den Zugang des sinnlich Wahrnehmbaren die geistigen Gebiete zu erschließen.

© Kunsthalle Bielefeld
Sprecher: Doğa Gürer