Jacoba van Heemskerck – Bild no. 98

Vertiefung: Die Farben der menschlichen Aura

Im Sommer 1917 kündigt Jacoba van Heemskerck Herwarth Walden mehrere Porträts an und schreibt:

„In meinen Porträts suche ich Leitmotive in den Gesichtern und das Ganze macht einen sehr abstrakten Eindruck, da ich auch die Farben nehme, die ich in den Charakteren fühle.“

„Bild no. 98“ ist ein Porträt ihres Freundes Jan Buijs, einem Architekten. In dem abstrakten Bild schwebt in der Mitte eine von Violett umgebene weiß-gelblich gebogene Form. Alle anderen Farben gruppieren sich wolkenartig um diese herum: oben vor allem Gelb mit etwas Blau und nochmals Violett. Im Bereich darunter dominieren Rot und Braun, durchsetzt mit Grün. Schwarze Linien fließen von beiden Seiten horizontal in das Bild oder begrenzen, ähnlich wie das Rot, immer wieder Formen. Es ist anzunehmen, dass sich Jacoba van Heemskerck hierfür intensiv mit Rudolf Steiners Theorie über die menschliche Aura auseinandergesetzt hat. Steiner erklärt hierin, dass der Einzelne nicht nur mit den äußeren Sinnen die körperliche Welt und mit den inneren Sinnen Gefühle, Triebe und Instinkte wahrnehmen könne. Sondern bei entsprechender Schulung auch die Aura eines Gegenübers. Diese Aura ist vom Temperament, den Neigungen, Freuden, Schmerzen und so weiter des Gegenübers bestimmt und strahlt als Lichterscheinung. Farben können in ihr nicht nur als wolkenartige Formen wahrgenommen werden, sondern auch als Flecken, als wellige und gerade Streifen oder Punkte. Da Steiners Auffassung nach nur Hellseher*innen Auren wahrnehmen konnten, dürfen wir annehmen, dass van Heemskerck wirklich glaubte, sie verfüge über hellseherische Fähigkeiten.

© Kunsthalle Bielefeld
Sprecher: Doğa Gürer