Jacoba van Heemskerck – Bild no. 23

Auf diesem Werk hat die Künstlerin wieder Segelschiffe gemalt. Aber es scheint eine tiefe Bedeutung in ihnen zu liegen. Der Anthroposoph Willem Zeylmans van Emmichoven, ein enger Freund der Künstlerin, interpretiert sie im Jahr 1917 so:

„In der Mitte das Motiv des dahingleitenden Schiffs mit dem strahlend weißen Segel, wie ein Heiliger, der beide Arme zum Himmel hin ausbreitet, um die ganze Weisheit des Göttlichen in sich aufzunehmen. Daneben, dem ersten folgend, die beiden übrigen Boote, ebenfalls mit makellos weißen Segeln, das Innere bei ihnen aber noch nicht voll entfaltet. Im Vordergrund auf beiden Seiten zwei schwere, wuchtige schwarze Baumfiguren, deren Äste gewunden und geschlängelt sich zueinander biegen und so das Tor zum Elend und Leid bilden, durch das ein jeder gehen muss, der der Menschheit etwas geben will …. Darunter ist in massiven kantigen Blöcken die Erde wiedergegeben, aus der die Bäume wachsen, die Erde und ihre Fruchtbarkeit. Im Hintergrund erheben sich die hohen, wuchtigen violetten Berge, über denen ein grelles Orange erglüht. Die tiefe Wehmut, der Schmerz des Menschen, der zu finden hoffte, aber einsehen musste, dass ihm die Kräfte nicht reichten. Darüber hinaus jedoch lebendig und feurig das Verlangen, dennoch weiterzugehen, weiter zu suchen und zu kämpfen. Ganz das Sinnbild der Menschheit, die sich ruhelos quält und foltert in ihrem mächtigen Drang, alles zu wissen, was die Ewigkeit vor ihr verborgen hält.“

Mit diesem Zitat erhalten Sie auch einen Einblick in das Weltbild der Anthroposophie. Rudolf Steiner hatte diese umfassende Weltanschauung Anfang des 20. Jahrhunderts begründet. Ein zentraler Gedanke seiner Lehre ist, dass alle in der Welt vorhandenen Dinge eine spirituelle Bedeutung haben, die durch das Erforschen der so genannten „geistigen Welt“ erkannt werden kann. Der menschliche Geist muss Steiner zufolge nur ausreichend trainiert werden, dann ist er in der Lage, auch übersinnliche Gegebenheiten wahrzunehmen.

© Kunsthalle Bielefeld
Sprecher: Doğa Gürer